Der verlorene Schlüsselbund

Mit eineinhalb Jahren manifestierte sich bei meinem Prinzen eine seltsame Vorliebe für Schlüssel jeder Art. Sie faszinierten ihn unglaublich und er war das glücklichste Kleinkind wenn er damit hantieren und sie dann irgendwo entsorgen konnte. Kein Schlüssel war vor ihm sicher, sodass mit der Zeit Unmengen meiner Autoschlüssel, Wohnungsschlüssel und Kellerschlüssel auf mysteriöse Weise verschwanden und nie wieder auftauchten.

 

So war ich Stammkundin beim Schlüsselmacher in unserem nahen Einkaufszentrum, weil ein Bruchteil einer Sekunde an Unachtsamkeit reichte. Wenn ich mit dem Kleinen draußen unterwegs war und er irgendwelche Fremde an Autos, Toren oder auch Geschäften mit Schlüssel herumhantieren sah, riss er sich augenblicklich von meiner Hand los, stellte sich vor denjenigen und wimmerte: „Slüssi haben, büdddeeee. Slüssi haben!!!“

 

Bis zu folgendem Ereignis fanden wir alle seine Vorliebe amüsant, herzergreifend niedlich und scherzten, dass er bestimmt irgendwann eine Karriere als Kerkermeister starten würde.

 

Ich arbeitete damals stundenweise in einem Supermarkt, um das Karenzgeld ein wenig aufzubessern. Wenn der Laden zu machte, holte mich mein Mann mit dem kleinen Kerkermeister gelegentlich ab und weil die Filialleiterin meinen Kleinen so unglaublich süß fand, gestattete sie meinen Lieben IM Laden zu warten, bis alle anfallenden Arbeiten erledigt waren.

So auch an einem Abend dieses extrem heißen Sommers, der Prinz lief durch die Gänge des Ladens, während ich und meine Kollegen Abschlussarbeiten erledigten. Aus den Augenwinkeln sah ich, dass meine Filialleiterin einen riesigen Ring mit Schlüsseln bei sich trug, für den Tresor, den Lieferanteneingang, das Büro, sämtlichen zu sichernden Vorrichtungen eben. Obwohl ich sie mehrmals darauf hingewiesen hatte, diesen Ring niemals aus den Augen zu lassen, passierte selbstverständlich das Unvermeidliche.

 

Eine Sekunde nicht aufgepasst, einen Augenblick unbedacht gehandelt, den Schlüssel kurz abgelegt und weg war er.

„Wo hast du den Schlüssel hingelegt?“, fragte ich den Kerkermeister.

„Da!“, lachte er und klimperte mir mit seinen hellblauen großen Augen strahlend entgegen, während er in eine Richtung zeigte.

 

Nun, dieses Spiel wiederholte sich an die zwanzigtausend Mal. Auf jede Frage, wo der Schlüssel denn wäre, deutete er in eine andere Richtung und meine Kollegen und ich kramten in Regalen, Körben und Schachteln und rutschten den Boden entlang. Diese Situation war an Peinlichkeit nicht zu überbieten, wenn man bedenkt, dass sämtliche meiner Kollegen einen 12 Stunden Dienst hinter sich hatten und wegen meinem kleinen Herren der Ringe schweißgebadet einen kompletten Supermarkt durchsuchen mussten, der ja NUR zigtausende an Artikeln führt.

 

Nach einer Stunde war die Stimmung noch gut und heiter.

Nach zwei Stunden waren erste genervte Anzeichen unter meinen Kollegen wahrzunehmen.

Nach drei Stunden rechnete ich mit meiner fristlosen Entlassung, weil man die Filiale und den Tresor nicht unverschlossen hinterlassen konnte, und meine Kollegen und Vorgesetzten bereits relativ hysterisch schienen.

Nach vier Stunden verabschiedete sich der kleine Kerkermeister (plus Papa) nach Hause, weil er von den vielen blöden Fragen nach diesem dämlichen Schlüsselbund müde und raunzig geworden und in keinster Weise einsichtig war, wieso da so ein Riesentheater um diesen Schwachsinn gemacht wurde.

 

Ein letztes Mal versuchte ich den Kleinen dazu zu bewegen, sich zu erinnern, wo er den Bund hingeworfen hatte. Als er nach oben an die Decke zeigte und „da isser“ rief, wusste ich, dass meine Frage genauso sinnvoll war, als würde man von einem Putzeimer verlangen, hebräisch zu sprechen.

Mittlerweile waren auch der Gebietsleiter und die Zentrale über das Drama informiert und somit hatte ich einen wunderbar bleibenden Eindruck im gesamten Betrieb hinterlassen.

 

Um Mitternacht fand ich den Schlüsselbund, hübsch festgefroren zwischen Erdbeer-und Schokoladeeis. Was an und für sich ja angesichts der draußen herrschenden Temperaturen irgendwie logisch war. Ich begab mich kurz in die kindliche Phantasiewelt meines Sohnes und fand es entzückend mitfühlend, dass er dem Ring und seinen zahlreichen Anhängseln bestimmt etwas Gutes tun wollte, eine Erfrischung eben in diesem heißen Sommer.

Meine Kollegen teilten mein Entzücken weniger, mussten sie doch am darauffolgenden Tag im Morgengrauen wieder parat stehen.

 

Ab diesem Tag musste der kleine Herr der Ringe VOR dem Supermarkt auf Mama warten. Zum Glück kamen aber auch dort genug Passanten vorbei, die er anjammern konnte:
Slüssi haben büddeee. Slüssi haben!!“

 

Sommerliche Grüße

eure

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Beitragsbild: Pixabay

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