Bei Oma schmeckts am Besten

Auch ich war mal Kind. Ausgesprochen ruhig, lieb und pflegeleicht. So wurde es mir zu mindestens berichtet.

Herausragend ehrgeizig war ich nur in einem Bereich : der Nahrungsaufnahme.
Aus überlieferten Erzählungen weiß ich, dass ich schon als Kleinkind jeden Teller leerleckte und kulinarisch ein Fass ohne Boden war.

 

Was sich irgendwann selbstverständlich in leichtem Übergewicht niederschlug. In der Volksschule war ich die schwerste aller Mädchen, was mich eigentlich nur beim Seile-Klettern im Sportunterricht störte. Während die anderen wie Schimpansen elegant am Seil hochkletterten, hing ich wie ein nasser Sack in der Gegend herum und wartete auf ein Wunder.

 

Weil meine Mutter irgendwann die „Notbremse“ ziehen wollte, erklärte sie mir eines Tages feierlich, dass es ab sofort keine Zwischenmahlzeiten mehr geben würde. Süßigkeiten nur nach Absprache und überhaupt vorwiegend kalorienarme Kost.

 

Keine Pommes, kein Eis, keine Schokolade mehr nach Lust und Laune. Toll.

 

Ab diesem Tag schnitt, raspelte und dünstete sie fast rund um die Uhr, um mir mein Leben „leichter“ zu machen. Sie rannte zum Bäcker in die nächste Ortschaft, um extra gesundes Brot für mich zu kaufen, backte Kuchen ohne Zucker und servierte mir liebevoll dekorierte, köstliche Menüs.

 

Ich machte mir mein Leben auf meine eigene Weise „leichter“. Da musste Oma her. Oma wohnte nur einen Katzensprung weiter, gleich nebenan und bei ihr tropfte jedes Gericht vor Fett. Böse Zungen behaupteten, dass ein einziges Keks meiner Großmutter den Kalorienbedarf einer gesamten Großfamilie abdecken würde. Sie lebte in dem Wahn, Essen wäre das Elementarste im Leben und braute, kochte und rührte den ganzen lieben langen Tag.

Und sie war der glücklichste Mensch, wenn sie jemanden ihre Werke essen sah. Ich aß also Mamas Schonkost, verabschiedete mich danach um „raus ins Grüne“ zu gehen, warf die Türe hinter mir zu und kehrte bei Oma ein.

 

Problem gelöst. Ich kann mich erinnern, dass sie mir damals Palatschinken serviert hat, die den Umfang eines Autoreifens hatten und so dick waren, dass ich meinen Mund bis zur absoluten Kiefersperre dehnen musste, damit ich diese Teile „vernichten“ konnte. Sie waren mit so viel Marmelade gefüllt, dass ich heute vermute, dass pro Palatschinke wahrscheinlich 5 Kilo Erdbeeren zu Marmelade verarbeitet worden waren. Was mein Herz auch begehrte, sie machte sich sofort freudenstrahlend ans Werk.

Eis, Schnitzel, Pommes, Eintöpfe….Wunderwerke, vor Fett triefend flirteten mich täglich an. Ich liebte unseren geheimen Pakt, und meine Großmutter auch, weil sie sich so der Überzeugung, dass es eben NUR BEI IHR AM BESTEN schmecken würde, bedingungslos hingeben konnte.

 

Während meine Eltern und mein Bruder, die sich der „Kostumstellung“ selbstverständlich aus Liebe zu mir solidarisch angeschlossen hatten, Kilos verloren, wurde ich immer runder. Ich hatte prall gefüllte Wangen, gut gepolsterte Schenkel und auch der Bauch wölbte sich immer mehr.

Für meine Eltern ein Rätsel. Eine Stoffwechselerkrankung in der Kindheit? Womöglich eine Erbkrankheit? Eine Störung des Verdauungstraktes?

 

Ertappt

 

Das Mysterium wurde gelöst, als ich irgendwann bei Oma laut schmatzend in der Küche saß, ein Schnitzel im Fett schwimmend vor mir, das Ketchup bis zu den Ohren verschmiert und meine arme geplagte Mutter plötzlich in der Türe stand, weil sie meiner Großmutter etwas bringen wollte.

 

Was dann los war, ist mit Worten kaum zu beschreiben. Oma und ich wurden des Hochverrats angeklagt, mein Vater machte, der sich keiner Schuld bewussten alten Frau, eine unglaubliche Szene, und ich bekam von meiner Mutter eine Gehirnwäsche, die bis heute Wirkung zeigt. Während ich wenigstens Reue vorheuchelte, provozierte meine Großmutter noch einen gewaltigen Familienstreit, indem sie trocken meinte : „Ja, irgendwer muss ja schauen, dass das Kind anständig isst…sie weiß halt, wo es am Besten schmeckt“.

 

Nachdem sich die Wogen etwas geglättet hatten und ich mich einsichtig gezeigt hatte, ging ich nicht mehr zu Oma essen. War auch nicht mehr möglich, weil meine Mutter jedes Mal, nachdem ich die Haustüre hinter mir zugeworfen hatte, durch den Spion an der Türe überprüfte, in welche Richtung ich marschierte.

 

Zum „Glück“ gabs ja noch meine Tante in der Nähe. In entgegengesetzter Richtung, aber gleiches Kaliber wie Oma….

 

Mahlzeit!

 

Mit diesem Beitrag bewerben wir uns für den scoyo ELTERN! Blog Award 2017. Drückt die Daumen! 

Falls euch diese Geschichte gefallen hat, dann hinterlasst uns doch bitte einen Kommentar oder ein „Gefällt mir“ auf unserer Facebookseite!


KENNST DU SCHON DIESE GESCHICHTEN?

Die Staubwolke meiner Hausfrauenkarriere

Die Hoch-Zeit der Liebe – So antworte mit Ja

Beitragsbild: Pixabay

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.