Die Narben, die bleiben – Das Erlebnis Geburt

Heute ist Freitag. Endlich. Genau in einer Woche ist der errechnete Geburtstermin. Dann kann ich meinen kleinen Spatz vielleicht schon in den Händen halten. Sofern er sich nicht länger Zeit lässt. Es dauert also nicht mehr lang. Wie jeden Tag tue ich recht wenig und entspanne mich. Diese Kreuzschmerzen plagen mich schon seit Wochen.

Seit ein paar Tagen sind sie richtig schlimm. Vor allem am Abend. Gott sei Dank gibt es die Badewanne. Ein wohltuendes Bad brauche ich jetzt so täglich wie das Amen im Gebet. Ohne dem ist es fast nicht mehr auszuhalten. Wenigstens kann ich nachts gut schlafen. Aber schlafen konnte ich schon immer. Auch der nächste Tag lief nicht wesentlich anders ab. Nichts Aufregendes passiert. Auch am Sonntag nicht.

 

Kreuzweh adé

Nur Sonntagabend war anders. Keine Kreuzschmerzen mehr. Wie wohltuend. Mal schauen wie lange das anhält. Ich gehe trotzdem in die Badewanne. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Das tut gut. Danach noch etwas fernsehen und dann ab ins Bett.

Auch in dieser Nacht konnte ich sehr gut schlafen. Irgendwann gegen acht Uhr wurde ich munter. Erstmal aufs Klo. Nun sitze ich da, aber es geht irgendwie nicht. Nun gut, die Verdauung scheint auch zu spinnen. Ich lege mich auf die Couch und lese Zeitung. Ein Ziehen im Rücken. Oh nein. Zu früh gefreut. Die Kreuzschmerzen sind zurück. Oder sind das jetzt etwa doch Senkwehen oder gar Vorwehen? So schlimm ist es nicht, also weiter entspannen.

Eine Stunde später wieder dieses Ziehen. Dann stündlich und irgendwann dann alle halben Stunden. Nicht schlimm, aber es ist da. Ich beschließe erstmal nichts zu sagen. Wer weiß, was das jetzt wirklich ist.

 

Oh Gott, es geht los

Irgendwann am frühen Nachmittag bin ich mir sicher. Es sind Wehen. Ich liege auf der Couch, um zu ruhen. Mein Mann betritt das Zimmer. Ich sage, dass es los gehe. Er nimmt es zur Kenntnis und ich merke, dass er nervös wird. Er verlässt den Raum. Shhhhhhh Shhhhschhh, höre ich von nebenan. Anscheinend fängt er an, staubzusaugen. Egal. Ich bleibe liegen.

Irgendwann stehe ich aber doch auf und schaue nach. Der Staubsauger rennt noch immer.  Mein Mann fängt an das Haus zu putzen. „Was machst du da?“, frage ich. „Keine Ahnung, ich muss mich ablenken“, erwidert er sichtlich angespannt. Nun gut, soll er machen.

 

Der Wehentest

Ich erinnere mich an die Worte meiner Frauenärztin. Man solle ein warmes Bad nehmen. Werden die Wehen stärker, sind es echte, vergeht der Schmerz, kann man davon ausgehen, dass es keine echten sind. Ich beschließe den Wehentest zu machen. Man weiß ja nie. Ich berichte meinem Liebsten von meinem Vorhaben. Er fragt mich, ob das eine gute Idee sei. Ich verweise ihn auf die Worte meiner Ärztin. Mittlerweile kommen die Wehen ca alle zehn Minuten. Ich lasse das Wasser ein. Und wie ich so in der Wanne vor mich hinwehe, weiß ich, es sind tatsächlich echte Wehen. Und es wird immer schlimmer. Also schnell wieder raus. Das ist ja kaum auszuhalten. Und wer bitte hat gesagt, dass Wehen wie starke Regelschmerzen sind? Ich spür sie nur im Kreuz. Wie extrem starke Rückenschmerzen.

 

Außer Spesen nichts gewesen?

Mittlerweile hab ich jegliches Zeitgefühl verloren. Ich konzentriere mich auf die Wehen. Ich merke, dass mich eine ungewohnte Nervosität überkommt. Laut meiner Hebamme, sollen wir fahren, wenn der Wehenabstand fünf Minuten beträgt. Ich schaue auf die Uhr: die Wehen kommen alle fünf Minuten! Schnell ziehe ich mich um und wir fahren los. Oh Man, das Kind kommt sicher gleich. Hoffentlich sind wir bald da. Ich halte das Sitzen im Auto kaum aus.

Endlich angekommen. Erstmal ans CTG. Das CTG zeigt Wehen an. Zu schwach. Die Hebamme kontrolliert den Muttermund. Weich aber verschlossen. Sie meint, dass werde heute Nacht nichts mehr und wir sollen nach Hause fahren. Waaaaasss? Das kann doch gar nicht sein. Ich bin ja nicht blöd. Ich weiß doch, dass ich richtige Wehen habe. Ich beschließe zu bleiben.

Wir beziehen das Zimmer. Eine Mutter dort hat Besuch. Mittlerweile sind die Wehen echt heftig. Überhaupt nicht peinlich, wie ich so vor mich hinatme. Die Schwester meint, wir sollen am Gang herum gehen. Bei jeder Wehe muss ich mich anhalten. Ich halte die Geherei nicht aus. Ich möchte mich lieber hinlegen. Also wieder aufs Zimmer. Ich halte die Hand meines Mannes. Wie ich im Nachhinein erfahren habe, recht fest. Fast schmerzhaft. Aber er sagt nichts. Wie tapfer.

Es geht weiter

Ich muss aufs Klo. Was ist das? Anscheinend ist der Schleimpfropf gerade abgegangen. Ich rufe die Schwester und teile ihr diese Information mit. Die Nachthebamme kommt. Wieder ans CTG. Mittlerweile ist der Muttermund offen. Von wegen es passiert nichts. Nicht auszudenken, wenn wir wieder nach Hause gefahren wären. Um 23 Uhr solle ich nochmals zur Kontrolle kommen. Bis dahin überstehen wir die Zeit im Zimmer. Dann wieder Kontrolle. Der Muttermund ist bei vier Zentimetern. „Ist ja schon ordentlich was weiter gegangen“, meint die Ärztin. Wie aufbauend. Es fehlen immer noch sechs. Wir können in den Kreißsaal. Irgendwie kann ich mit den Wehen nicht umgehen. Es wird mir was angehängt. So kann ich während den Wehen etwas dösen. Um nicht fast zu sagen, schlafen. Ein weiteres Mittel wird mir angehängt. Es soll die Wehen fördern. Keine gute Idee. Ich halte es kaum aus. Also wieder weg damit. Mittlerweile ist es echt schon fast unerträglich und ich jammere vor mich hin. Gegen drei Uhr platzt die Fruchtblase. Das Fruchtwasser ist grün. Ein etwas besorgter Blick der Hebamme. Das sei noch im Rahmen, meint die Ärztin. Mein Kleiner strampelt wie verrückt. Ich merke, dass etwas nicht stimmt. Alles im grünen Bereich, beruhigt mich der Assistenzarzt, der dazu beauftragt wurde, das CTG zu überwachen. Irgendwann war der Muttermund komplett offen und ich durfte endlich pressen. Was für eine Erleichterung, endlich etwas tun zu dürfen. Wider Erwarten waren die Presswehen erträglicher als die Eröffnungswehen. Man konnte den Kopf schon sehen. Er hat dunkle Haare. Also dauert es hoffentlich nicht mehr lang. Die Ärztin möchte eine Blutprobe vom Kopf des Kindes entnehmen, nur um sicher zu gehen, ob alles in Ordnung ist. Der PH-Wert passt. Also weiter gehts. Mittlerweile kommt eine Wehe nach der anderen. Wie eine Welle. Klingt eine ab, baut sich währenddessen schon die neue auf.

Endspurt

Die Hebamme kommt wieder zu mir in den Kreißsaal. Sie erscheint sichtlich nervös und ruft die Ärztin hinzu. Erneute Blutentnahme. Ich soll pressen, sie ziehe den Kleinen raus. Es geht nicht. Ich habe keine Kraft mehr. Der PH-Wert passt auch nicht mehr. Die Herztöne sind im Keller. Panik bricht aus. „Wir machen einen Kaiserschnitt“, höre ich die Ärztin sagen, „Wir haben max. fünf Minuten!“ Sie spritzt mir einen Wehenhemmer. Ich werde auf das Bett gelegt und in den OP gebracht. Ich merke, wie mich die Ärztin einpinselt. Und dann war ich auch schon weg.

Ich wache auf und realisiere erstmal nichts. Ich werde in den Aufwachraum geschoben. Ich habe Durst und bitte die Schwester, mir etwas zu trinken zu geben. Sie gibt mir ein angefeuchtetes Wattestäbchen. Ernsthaft jetzt? Ein Wattestäbchen?

Als ich wieder halbwegs bei Sinnen bin, werde ich auf das Zimmer gebracht. Niemand da. Ich schau auf die Uhr. Es ist bereits acht Uhr. Ich rufe meinen Liebsten an und er kommt sogleich aufs Zimmer. Er war bei unserem Baby. Der Kleine musste auf die Neonatologie verlegt werden, da er eine Anpassungsstörung hat und Antibiotika braucht. Anscheinend ist mein Becken zu schmal und er passte einfach nicht durch. Ich habe während der OP sehr viel Blut verloren und mir geht es gar nicht gut. Diese Schmerzen sind unerträglich. Ich kann mich kaum bewegen und fühle mich müde und schwach. Ich bin total erschöpft.

Willkommen, kleiner Mann

Am Nachmittag darf ich Aufstehen. Ich quäle mich in den Rollstuhl und mein Mann fährt mich auf die Kinderstation. Da liegt unser Baby. Er schläft. So klein und unschuldig.

Ich öffne die Tür des Brutkastens und nehme seine Hand. Wir haben es geschafft. Du bist da. Endlich.

 

 

Diese Geburt ist jetzt zwei Jahre her und mir ist es wochenlang nicht gut gegangen. Ich habe lange gebraucht, alles zu verarbeiten. Nicht körperlich, aber seelisch hat sie ihre Spuren hinterlassen. Richtig abschließen konnte ich erst mit der zweiten Geburt, die so ganz anders war als diese. Mittlerweile denke ich nicht mehr darüber nach. Mein Kind  ist gesund und zaubert mir jeden Tag aufs Neue ein Lächeln ins Gesicht. Ich habe mit der Sache abgeschlossen und das ist in Ordnung für mich. Ich war mir zu anfangs nicht sicher, ob ich diesen Geburtsbericht veröffentlichen soll. Aber es geht sicher ganz vielen anderen Frauen ähnlich und denen möchte ich sagen:

Ihr seid nicht alleine, mit jedem Tag wird es besser und irgendwann ist es nur mehr eine blasse Erinnerung, die nicht mehr schmerzt. 

Nehmt euch an, so wie ihr seid. Ihr seid großartig, ihr habt Leben geschenkt!

eure

                     

PS: Lasst mich in den Kommentaren wissen, wie eure Geburt war!


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2 Gedanken zu „Die Narben, die bleiben – Das Erlebnis Geburt

  1. Huch – meine Geburten… Ach – die 1. Notkaiserschnitt, da meine Werte aufgrund von Präeklampsie mies waren. Bluthochdruck, der Sohn Anpassungsstörungen, Sauerstoff ist abgefallen im Blut. Alles vergessen heute nach 12 Jahren. Die Tochter, erst langes Liegen w/ vorzeitigen Wehen, drohender Fehlgeburt etc. und dann übertragen und zuletzt Zange, da das Kind einen Dickkopf hat und einfach zu groß für mich. Diese Geburt war auch nicht so dolle, aber 100x besser als der Kaiserschnitt allerdings bei vollem Bewußtsein, PDA war möglich. Angst bei der 2. Geburt, dass es zum Notkaiserschnitt kommt und meine Nerven lagen eher blank als zwischen oh – das wird flottgehen bei Ankunft um 18 Uhr und dann die Geburt nach Mitternacht und da war es mein Sonntagskind, was ich von Anfang an geahnt habe, dass ich über den Termin gehe und sie sonntags geboren wird. Ich bin versöhnt. Beide Kinder sind gesund und munter und ich habe mich erholt. Den Traum eines Drittens habe ich dann aufgegeben mit 2 Fehlgeburten zwischen den Kindern. Ich habe einen Jungen und ein Mädchen und alles ist gut. Habe aber nicht gerne meine „Horrorgeschichten“ erzählt, jeder hat die Chance auf seine eigene Geschichte udn da ich nicht Standard bzw. wunderschön erlebt habe, blieb es bei mir – meine Geschichte. Die Tochter wurde übrigens am Muttertag geboren und die Fruchtblase ist mir geplatzt als der Kuchen im Ofen war. Gab es dann mit Familie am nächsten Tag im Krankenhaus. ich war mit den Erfahrungen als Zweitgebärende mit Familienzimmer bestens ausgestattet. Zangengeburt war bei mir besser als Kaiserschnitt, dessen Narbe sich entzündet… Hach. Ergebnis zählt!

    • Genau, das Ergebnis zählt! Beim zweiten Kind habe ich aus Angst, dass es Komplikationen geben könnte, einen geplanten Kaiserschnitt gemacht. Und der war wirklich ganz anders. Ich bin noch am selben Tag aufgestanden und konnte am dritten Tag heimgehen. Kein Vergleich zum Notkaiserschnitt! Falls es jemals ein drittes Kind geben sollte, werde ich das wieder so handhaben.
      Tut mir Leid, dass du keine so schönen Erfahrungen hattest. Ich habe am Anfang auch überlegt, ob ich meine Geschichte veröffentlichen soll. Ich habe mich dann dafür entschieden, weil ich sicher nicht allein bin damit. Und auch solche Geburten sind Realität. Aber wie du schon sagtest: Irgendwann ist alles vergessen und wir können die schöne Zeit genießen.

      Danke für deinen Kommentar!
      Liebe Grüße, Estefania

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