Die (Nicht-)Privatsphäre einer Frau

Wir sitzen im Restaurant mit zwei Freundinnen und plaudern. Ich bin in der 12. Woche schwanger und nun wollen wir es allen mitteilen. Nur wie sagt man das am besten? Also einfach ganz direkt: „Ich bin schwanger!“ Sie freuen sich riesig für uns. Ja, das sind echt gute Freundinnen. Doch schon nach wenigen Sätzen der Freude kommt die Frage: „Und wann heiratet ihr?“ Darüber haben wir noch nicht wirklich gesprochen. Wie soll man darauf reagieren? Vorsichtig versuche ich die Situation zu retten und erkläre ihnen, dass wir es noch nicht genau wissen, auf jeden Fall erst, wenn unser Kind auf der Welt ist. Wenigstens sind sie mit dieser Antwort zufrieden. Zuhause kommt es dann aber zu einem ernsten Gespräch zwischen meinem Mann und mir. Wollen wir denn heiraten? Wann wollen wir heiraten? Geht es sich finanziell aus? Es dauert nicht lange und wir beschließen, dieses Gespräch auf später zu verschieben. Jetzt freuen wir uns einfach auf unser Baby.

Hochzeitspläne

Einige Zeit später, ich bin nun schon im 7. Monat, verbringen wir ein wunderschönes Wochenende in der Therme und mein Schatz macht mir einen Antrag. Ich bin überglücklich und sage natürlich ja. Ich bin wirklich überrascht, da ich nicht damit gerechnet habe, wir wollten dieses Thema doch auf später verschieben. Voller Freude erzählen wir es unseren Eltern und Freunden und von allen Seiten kommt nur eine Frage: „Habt ihr schon einen Termin? Wollt ihr noch vor der Geburt heiraten oder erst danach?“ Und wieder bin ich sprachlos. Wir sind gerade wenige Tage verlobt und ich soll schon einen Termin haben? Ich möchte erstmals mein Kind gesund auf die Welt bringen. Wer weiß, ob es überhaupt gesund und munter ist. Tagtäglich kämpfen wir mit der Angst, dass unser Kind behindert sein könnte (siehe Beitrag über Pränataldiagnostik) und dann soll ich schon eine Hochzeit planen? Ich bin doch schon hochschwanger und gehe bald in den Mutterschutz. Wieso sollten wir uns so einen Stress mit der Hochzeit machen? Außerdem sind wir beim Hausbauen bzw. Umbauen und haben von daher eh genug Stress und Schulden.

Wir beschließen, erstmal nichts zu planen. So gut es geht genieße ich die letzten Wochen der Schwangerschaft. Trotzdem besuchen wir eine Hochzeitsmesse, nur um einen ersten Blick dafür zu bekommen und uns über die groben Kosten zu informieren. Die nette und freundliche Dame bei den Brautkleidern fragt mich, welche Farbe ich denn gerne hätte. Als meine Antwort weiß ist, sieht sie mich verblüfft an und erwidert: „Aber wenn Sie dann schon ein Kind haben, sollten sie besser nicht in Weiß heiraten. Nehmen Sie lieber eine Farbe, zum Beispiel Creme oder Rot.“ Warum sollte ich nicht in Weiß heiraten dürfen? Nur weil ich ein Kind habe? In welchem Jahrhundert leben wir denn?

Und wann kommt das 2. Kind?

Endlich ist unser Sohn auf der Welt und er ist kerngesund. Unser Liebling entwickelt sich prächtig und kann mit vier Monaten schon alleine sitzen, mit 7 Monaten krabbeln bzw. robben und mit einem Jahr alleine gehen. Im Juli findet auch unsere lang ersehnte Hochzeit statt. Seit Oktober plane und organisiere ich alles selbst, da mein Mann jede freie Minute auf der Baustelle verbringt und ich in Karenz bin. An manchen Tagen ist es wirklich anstrengend, da ich einige Sachen einfach nur schwer neben einem Baby machen kann. Außerdem möchte ich auch oft auf der Baustelle und bei meinem Verlobten sein. Helfen kann ich leider nicht wirklich, da mein Sohn mich rund um die Uhr braucht und er auf einer Baustelle absolut nichts zu suchen hat. Trotz allem schaffen wir es und es wird eine traumhaft schöne Hochzeit. Doch schon während der Hochzeitsfeier fragt eine angeheiratete Tante: „Und wann kommt das zweite Baby?“ Ich bin echt sprachlos. Nur mit Mühe kann ich mir einen Schrei unterdrücken und erkläre ihr, dass wir erst das Haus fertigbauen wollen.

Im September besuche ich die Schule, in der ich vor der Geburt gearbeitet habe. Sowohl die Kollegen als auch die Direktorin gratulieren und wieder kommt die Frage auf: „Wann kommt das zweite Kind?“ Das geht mir aber nun wirklich zu weit. Warum interessieren sich plötzlich alle für mein Privatleben? Das ist doch mein Leben!

Erwartungen der Gesellschaft

Man kann es den Leuten einfach nie recht machen. Sie sind nie zufrieden. Unser erstes Kind ist gerade mal 19 Monate alt, wir sind mitten beim Hausbauen, haben erst vor kurzem geheiratet und sollen nun auch gleich noch ein zweites Kind bekommen? Manchmal kommt es mir vor, als hätte man einen Stress, als müsse man sein Leben innerhalb kürzester Zeit leben, da es sonst zu spät ist.

Die Menschen reden und fragen einfach, ohne richtig nachzudenken. Sie sehen nur unsere äußere Fassade, was sich dahinter verbirgt, weiß niemand und will meist auch keiner wissen. Obwohl unser Sohn ein Wunschkind ist und wir vor der Schwangerschaft Geld gespart haben, wurde das im Laufe der Karenzzeit immer weniger. Die Hochzeit kostete auch einiges, auch wenn wir viel wieder zurückbekommen haben. Durch das Hausbauen haben wir einen Haufen Schulden und müssen erst einmal schauen, ob und wie sich unser Leben mit dem Geld, das uns zur Verfügung steht, ausgeht. Außerdem weiß niemand, dass wir monatelang Probleme beim Sex hatten. Ich kann kein zweites Kind planen, wenn ich Schmerzen beim Geschlechtsverkehr habe. Da gehört das Problem vorher geklärt und erst dann kann man weiterplanen. Doch das weiß niemand, es fragt ja auch keiner nach. Manchmal sollte man einfach besser nachdenken, bevor man sich in das Privatleben anderer einmischt. Will das Paar überhaupt heiraten? Eventuell haben sie Probleme in ihrer Beziehung, die sie vor den anderen einfach gut verstecken. Vielleicht probiert das Paar schon seit Monaten oder gar Jahren schwanger zu werden und es klappt einfach nicht.  Es gibt auch Paare, die auf Grund einer Krankheit (vererbbar oder auch nicht) Angst vor einer Schwangerschaft haben. Eventuell gibt es Probleme und einer der beiden kann keine oder nur sehr schwer Kinder bekommen. Vielleicht will das Paar auch nur ein Kind oder gar keines?

eure

PS: Über ein „Gefällt mir“ auf unser Facebookseite würden wir uns natürlich auch sehr freuen 🙂

8 Gedanken zu „Die (Nicht-)Privatsphäre einer Frau

  1. Hallo Melissa, das kenne ich alles so gut. Ich denke, dass die meisten sich nichts böses bei ihren Fragen denken, sondern einfach nur Interesse an deinem Leben zeigen wollen.
    Bei uns lief es fast in der gleichen Reihenfolge (Kind, Hochzeit, Haus…) und immer wieder wurden wir gefragt, wann der nächste Schritt ansteht. Ich habe dann einfach zurück gefragt, wann denn beim Gegenüber mal Hochzeit oder Kinder anstehen. Dann war meistens schnell Ruhe. 😉

    • Da hast du wahrscheinlich recht. Es ist bestimmt für beide Parteien schwierig. Meist kommt es aber auch auf die Art und Weise der Frage an und viele klingen ziemlich dringend, fast fordernd. Die Freude über den jetzigen Schritt ist nur kurz und schon kommt das Drängen nach dem Nächsten. Bei der engen Familie und guten Freunden ist es meist auch nicht so schlimm. Die wissen oft was los ist und man merkt, sie meinen es nicht böse. Bei der weitschichtigeren Familie, Kollegen, Bekannten und gar Fremden ist dies ganz anders. Da sind solche Fragen oft unangebracht.

  2. Vielen Dank für diesen Beitrag! Das ist ein sehr wichtiges Thema und kann nicht oft genug betont werden! Das Wahren von Grenzen – so wie wir es eigentlich auch unseren Kindern beibringen – müssen manche Erwachsene sich wieder in Erinnerung rufen. Es gibt ja nicht immer nur das verbale Überschreiten von Grenzen. Gerade als Schwanger kennt man das, dass andere meinen, auch der Körper gehört jetzt allen und es ist selbstverständlich, dass der Bauch einer schwangeren Frau von allen angegriffen werden darf…

    http://www.erziehungsgedanken.com

    • Danke für deinen Kommentar!
      Da hast du vollkommen recht. Unseren Kindern bringen wir bei, dass es Grenzen gibt, dass sie diese einhalten sollen und dass es einiges gibt, das wir nicht wollen. Erwachsene handeln leider so oft nicht danach. Leider.

  3. Ja das stimmt, die Indiskretion ist schon erstaunlich. Jeder meint zu wissen, was für eine teilweise fremde Familie das Wichtigste ist. Gerade auch die Frage nach dem zweiten Kind finde ich heikel, weil man ja nicht wissen kann, ob es die Familie vielleicht bereits versucht und es bislang eben nur nicht geklappt hat….
    Also viel Erfolg beim Hausbauen und was auch immer Eure weiteren Pläne sind 😉
    LG Wiebke vom verflixten Alltag

    • Vielen Dank für deinen netten Kommentar. Ja, solche Themen sind immer sehr heikel. Oft wird schon monate- oder jahrelang probiert und dann kommt irgendwer daher und fragt nach. Das tut weh. Ich kenne eine Freundin, die hat 4 1/2 Jahre lang alles versucht um schwanger zu werden. Sogar eine künstliche Befruchtung stand schon im Raum…. Dann hat es endlich geklappt. Aber in all den Jahren tat es ihr immer wieder weh, wenn jemand schwanger wurde oder gar nachfragte, wann es bei ihr endlich so weit sei.
      Danke, das Thema Hausbauen hat sich schon fast erledigt. Eingezogen sind wir nun endlich 🙂
      LG

  4. Hahaha.. Das kommt mir ja alles so bekannt vor.
    Und wir haben standgehalten! Wir haben zwei Kinder und sind nicht verheiratet! 😉

    Liebe Grüße,
    Lisi

    • Ich finde es sollte jeder das tun, was er/sie für richtig hält und auch machen will. Man sollte nur dann heiraten, wenn es auch beide wollen. Egal was die Eltern, Schwiegereltern, Nachbarn, Freunde oder gar Fremde sagen.
      LG Meli

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