Diese „High-Need-Kind“-Sache

Je mehr ich darüber lese, desto mehr muss ich darüber nachdenken.

Wer nicht genau weiß, was ich mit „High-Need“ meine, kann hier die Kriterien nachlesen, die von ELTERN sehr schön zusammengefasst wurden.

Ich stelle es nicht in Frage, dass es sogenannte „High-Need-Kinder“ gibt. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass es tatsächlich Kinder gibt, die 24 Stunden an ihrer Mutter hängen, die einfach mehr Zeit, mehr Liebe und mehr Ressourcen einfordern. Aber sollte man dann tatsächlich von „High-Need“ sprechen? Mich stört der Begriff ein wenig, nicht das Wort an sich, doch es läuft irgendwie auf ein Stigma hinaus.

Eltern mit pflegeleichten Kindern können sich gar nicht vorstellen, dass es auch anders geht. Es gibt tatsächlich Kinder, die nur die Mutter wollen (und brauchen). Und ich rede hier nicht von den üblichen Schwierigkeiten und den Weinphasen, dem nächtlichen Aufstehen und der Übermüdung, die wohl alle Eltern kennen. Ich rede hier von Kindern, die wortwörtlich IMMER bei der Mutter sind.

Und dieses IMMER hat nichts mit Verwöhnen zu tun oder dass die Mutter eine Glucke ist. Es ist einfach das Wesen des Kindes. Diese Kinder sind einfach so, da kann niemand was dafür.

 

Das Unverständnis der Anderen

Mein Gott, wie oft hätte ich gerne Gedanken lesen können. Es wurde zwar nicht ausgesprochen, aber gewusst habe ich es trotzdem.“ Helikoptermutter“, „ Glucke“, „das Kind wird verwöhnt“, „man muss es auch mal abgeben, damit es sich an andere gewöhnt“, „das Erste gibt man nur ungern aus der Hand“, sind nur einige Beispiele dafür. Manche haben mich wirklich für bescheuert gehalten oder auch Mitleid gehabt oder auch beides. Aber ich bin nicht Plem Plem und ich bilde mir das auch nicht ein. Verstehen kann das nur jemand, der das schon erlebt hat.

Es ist nämlich so, dass man monatelang nicht ordentlich schlafen kann, weil das Baby nur auf der Brust, wenn überhaupt, einschläft. Und wenn dann nur für kurze Zeit.  Man traut sich ja nicht mal mehr ausgiebig duschen zu gehen, aus Angst, das Kind könnte jederzeit wieder weinen. Das Kind mal dem Papa geben? Nö, geht nicht. Nur Mama. Das Kind mal kurz ablegen? Nö, auch nicht. Weinen ist vorprogrammiert. Irgendwohin gehen? Ins Kaffeehaus zum Beispiel. Eher schlecht, da das Kind ziemlich schnell überreizt ist. Geholfen hat Rund-um-die-Uhr-Körperkontakt und tragen, tragen, tragen und nochmals tragen. Auch als er schon längst laufen konnte. Manchmal frage ich mich echt, wie ich das damals alles so geschafft habe. Ich habe die Tage genommen, wie sie waren und irgendwie überstanden. Es wurde besser, auch wenn trotzdem noch immer Mama Nummer Eins ist. Ohne mich geht auch mit zwei Jahren fast nichts.

Es gibt da noch ganz viele andere Dinge, die ich aufzählen könnte, aber das würde den Rahmen sprengen. Ich denke, ich schreibe einen separaten Beitrag darüber.

In der Babyzeit kannte ich den Begriff „high-need“ gar nicht. Eigentlich möchte ich ihn auch nicht für mein(!) Kind verwenden. Für mich fühlt es sich an, wie ein Stempel, der aufgedrückt wird. Das möchte ich nicht. Ich liebe ihn, so wie er ist.

Trotzdem denke ich, dass der Begriff als „Erklärung“ oder „Beschreibung“ recht gut ist. Allerdings sollte man wirklich sehr vorsichtig damit umgehen, da es sonst wie gesagt, schnell in die Richtung der Stigmatisierung schlagen kann.

Zum Vergleich ziehe ich die ADHS-Kinder heran. Im Studium und meiner Arbeit ist mir dieses  Thema oft  untergekommen und ich kann euch sagen, nur die wenigsten Kinder davon haben ADHS. Nur weil manche lebhafter sind, darf nicht automatisch diese Diagnose gegeben werden. Es sind Kinder. Es liegt in der Natur der Sache, dass sie sich bewegen und die Welt entdecken. Manche haben halt etwas mehr Energie als andere. Und genauso sehe ich das bei den sogenannten „high-need-Kindern“. Jedes Kind ist anders.

Wenn man nie so ein Kind hatte, kann man sich das auch gar nicht vorstellen, was wirklich damit gemeint ist. Menschenkinder wissen ja nach der Geburt auch gar nicht, dass sie ein eigenständiger Mensch sind. Das Bewusstsein dafür kommt erst Monate später. Für sie ist ihre Mutter ein Teil von ihnen.
Aus evolutionärbiologischer Sicht ist es übrigens so, dass Menschenkinder Traglinge sind. Oft noch weit über das erste Lebensjahr hinaus. Wenn wir unsere nahen Verwandten, die Affen anschauen, tragen diese ihre Kinder auch 24h am Körper. Da würde auch niemand auf die Idee kommen zu sagen, es liegt an der Affenmutter, dass sich ihre Nachkommen nicht ablegen lassen.

 

Das, was zählt

Und eigentlich ist es nebensächlich, ob ein Kind alle Kriterien nach Dr. Sears erfüllt. Anstrengende Kinder bleiben anstrengende Kinder. Und auch jede Mutter hat eine andere Toleranzschwelle. Genauso wie bei Schreibabys ist es ein subjektives Empfinden (Ja, ich weiß, dass es eine Definition gibt. Nur, was hilft die, im Moment des übermäßigen Schreiens?) Was die eine schon an die Grenzen der Überforderung bringt, lächelt die andere noch müde hinweg. Viel wichtiger ist es, sich einzugestehen, dass man am Ende seiner Kräfte ist,  sich rechtzeitig Hilfe holt und diese auch annehmen kann. Das können Gespräche mit anderen betroffenen  Müttern sein oder einfach gute Freundinnen zum Reden. What ever. Hauptsache es hilft.

In den ganzen Diskussionen und Beiträgen zu der „High-Need-Sache“ wird meiner Meinung nach der Parameter Mutter viel zu oft außer Acht gelassen. Dabei sind es gerade die Mütter, die sich unverstanden fühlen, die erschöpft sind. Sie können nichts für die Situation. Kinder sind, wie sie sind. Auch wenn es anstrengend ist und unglaublich viel Zeit fordert, irgendwann wird es besser werden. Man wächst mit seinen Aufgaben. Manche Kinder brauchen halt etwas länger Zeit, um in der Welt anzukommen und sich zurechtzufinden. Denn im Gegensatz zu unserer Welt, verändert sich ihre ständig. Täglich lernen sie neue Fähigkeiten, die Umwelt wird in all ihren Facetten wieder ein Stückchen mehr wahrgenommen und das gehört verarbeitet. Und wo lässt sich der Lärm der Welt besser aushalten als bei Mama?

 

eure

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Ein Gedanke zu „Diese „High-Need-Kind“-Sache

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