Männerschnupfen und Nahtoderfahrungen

Mein „Verflossener“ war ist ja an und für sich ein Mann wie er im Buche steht. Groß gewachsen, breitschultrig und respekteinflößend.

Ein Fels in der Brandung sozusagen. Von Natur aus war sein Blick immer leicht grimmig und ernst und seine Statur massiv und sehr maskulin. Ein Prachtexemplar der Spezies Mann, wenn man so will. In den 17 Jahren unseres gemeinsamen Weges bewunderte ich ihn für sein Erscheinungsbild, und dennoch gab es da diesen einen Teil seines Wesens, der so gar nicht zu seinem Äußeren passte.

 

Es war der leichte Hang zur Hypochondrie, der mich in den Wahnsinn trieb. Wenn er am allseits bekannten „Männerschnupfen“ litt, war ich jedes Mal kurz davor, die Scheidung einzureichen. Gar nicht wie der Fels in der Brandung lag er dann leidend auf der Couch, dem Tod geweiht, unfähig auch nur die Teetasse zum Munde zu führen. Ab 37,0 Körpertemperatur war er davon überzeugt von dieser Welt Abschied nehmen zu müssen, er haderte mit seinem schweren Schicksal und rotzte stöhnend in die Taschentücher, die immer extra soft und flauschig sein mussten, weil sein Näschen nach einem Tag bereits so wund war, dass die Schmerzen seinen Aussagen zufolge, nicht mal mit einer 30-Stunden Geburt zu vergleichen wäre.

 

Wenn einer seiner Kollegen/Verwandten/Freunde an irgendeiner bakteriellen Erkrankung litten und er mit diesen auch nur in kurzen Kontakt gekommen war, verspürte er alsbald auch Symptome einer Ansteckung und jammerte schon vorbeugend. Jede Dokumentation im Abendprogramm über irgendwelche Krankheiten wurde zum Drama, weil er auf der Stelle erste Parallelen zu sich selbst entdeckte. Die Fernbedienung war also immerzu in meinen Händen, sodass ich so manche Tragödie abwenden konnte.

 

Zu Beginn unserer Beziehung saß ich selbstverständlich an seinem Krankenlager, bemitleidete ihn, tupfte ihm den nicht vorhandenen Schweiß von der Stirn und betete bei 37,2 Grad „Fieber“ um das Wunder der Heilung, während er „Vergiss nie, wie sehr ich dich geliebt habe“, hauchte.

 

Im Laufe der Jahre tupfte und betete ich nicht mehr, sondern reagierte zunehmend genervt, wenn er am Männerschnupfen und Ähnlichem litt.

Wenn ich fiebrig war und mich aber dennoch um Kind, Haushalt und Job kümmern musste, war dies nicht von Bedeutung, schließlich hatte ich (seiner Beurteilung zufolge) stets nur eine abgeschwächte Form zu erleiden und meine Schmerzen waren mit seinen einfach nicht vergleichbar.

 

Irgendwann in einem Sommer in den 2000ern waren wir bei einer Grillparty eingeladen, als er plötzlich laut aufschrie.
Eine Wespe hatte ihn gestochen und eine Sekunde später ging das Drama schon los. Er spürte, wie das Leben aus seinem Körper wich, wollte augenblicklich ein Testament verfassen und mir noch einmal sagen wie sehr er mich liebte.  
Die anderen Gäste starrten ihn grinsend an, während ich völlig austickte. Ich keifte, dass er sich nicht so anstellen solle, dass ich schon hunderte Male gestochen worden war und dass er sich ja lächerlich machen würde.

 

Wütend stopfte ich Gegrilltes in mich hinein, und als ich das nächste Mal zu ihm hochsah, fiel mir fast das Besteck aus den Händen.
Sein Gesicht und Hals waren angeschwollen und rot, seine Augen ebenfalls und obwohl er gerade schmatzend an einem Rippchen nagte, galt es keine Zeit zu verlieren. Ich vermutete eine allergische Reaktion und stieß ihn ins Auto, wo sich sein Zustand augenblicklich aufs Dramatischste verschlechterte, weil er sah, dass ich in Panik war. Er stöhnte neben mir, dass seine letzte Stunde gekommen wäre, obwohl er 10 Sekunden zuvor offensichtlich noch absolut schmerzfrei am Fleisch herumgebissen und sich wohl gefühlt hatte. Wir rasten in die nächste Notaufnahme, wo man sich seiner sofort annahm, was ihm seiner Meinung nach das Leben gerettet hat. Er erhielt eine kleine Infusion, sagte mir ständig wie sehr er die Zeit mit mir genossen hatte, rollte mit den Augen und berichtete von Nahtod-Erfahrungen.

 

Der Arzt erklärte uns nach der Behandlung, dass er leicht allergisch reagiert hätte, aber zu keiner Zeit in Lebensgefahr gewesen wäre, und dass dies nichts Aufregendes gewesen sei. Das könne schon mal passieren. Mein Verflossener missachtete diese Aussagen selbstverständlich und telefonierte den Rest des Tages mit jedem und allen, die er kannte, um zu berichten, dass er dem Tode gerade noch entkommen war.

 

Ab diesem Sommertag wurde ich bei jedem Männerschnupfen oder Mini-Infekt, bei dem ich nicht sofort mit dem Notfallkoffer neben ihm kniete, darauf hingewiesen, dass ich ja auch diesen Angriff der Killerwespe anfangs verharmlost hatte. Dass er nur durch massive Notmaßnahmen der ärztlichen Kunst noch am Leben war. Ich wurde bei jedem kleinsten Husten darauf hingewiesen, die „Sache“ ernst zu nehmen, schließlich sei es ja schon einmal fast „mit ihm vorbei gewesen“.

Meine Reaktion muss ich nicht erläutern, denke ich….

…falls auch ihr einen Fels in der Brandung zu Hause habt !?

eure

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