Von der Ankunft des Babylords und MEINER Revolution in der Pubertät

Als sich der Lord ankündigte, hätte mich die Landung eines Außerirdischen auf meiner Loggia nicht mehr überraschen können. Mir ist bis heute nicht wirklich klar, wie es zu diesem „anderen Umstand“ kam.

Ich wollte doch noch so vieles machen bevor ich Mutter wurde…
Schafe züchten in Uruguay, Teppiche weben in Kasachstan oder am Pferd durch Moldawien reiten. Nackt in einen Brunnen springen oder mit George Clooney Tandem fahren.

Dennoch verspürte ich sofort dieses einzigartige Glücksgefühl, das sich mit jedem stundenlangem morgendlichen Erbrechen verstärkte. Ich fand es grandios, dass ich keine Nahrung bei mir behalten konnte und stark an Gewicht verlor. Ich würde bestimmt die hübscheste werdende Mutter sein, zwar mit Bauch, aber ansonsten schlank, vom Haaransatz bis zu den Fesseln.

Dem war nicht so. Nach dem ersten Quartal wurde ich von einem derartigen immerwährenden Hunger heimgesucht, dass ich wie ein Vampir jeden Kühlschrank leersaugte, dass jeder Passant mit Essbarem auf der Straße in Lebensgefahr war, dass ich unbändige Lust auf Eis verspürte und bald aussah, als hätten sich KingKong und Godzilla in einem Körper vereinigt.
Ich bin sicher, dass ein weltbekannter Eishersteller nur dank mir den Jahresumsatz um 90% steigern konnte.

Auch für meinen Mann war es eine alles fordernde Zeit. Wenn er nicht arbeitete, kochte er. Wenn er nicht kochte, war er des Nachts auf irgendwelchen Tankstellen unterwegs, weil ich hysterisch nach weiteren Spezialitäten verlangte, die nicht im Haus waren.

Wäre sein Pass damals nicht ungültig gewesen… Ich bin mir sicher, er hätte das Land verlassen.

 

 

Am Tag aller Tage war all das nicht mehr wichtig. Ich musste nicht mehr
nach Kasachstan oder Uruguay. Und es war nicht mehr wichtig, ob ich wie Godzilla oder Tyrannosaurus Rex aussah.

Dieser zahnlose, schreiende, halbglatzige Tyrann zeigte mir, was wirklich wichtig ist. Und das werde ich ihm nie genug danken können.

 

 

 

MEINE Revolution in SEINER Pubertät :

Als mein Lord vor einigen Jahren seine erste feste Freundin nach Hause brachte, die nach der Schule fast täglich bei uns auftauchte, war mir zu Beginn nicht bewusst, welche Veränderungen dies auch für mich bringen würde.
Mir wurden neue Regeln auferlegt, die strikt und ohne Wenn und Aber zu befolgen waren:

  • Keine von mir gestartete Konversation mit der Auserwählten, absolute Beschränkung auf Begrüßung und Verabschiedung.
  • Das Haus musste steril glänzen und mir war Gammel-Outfit (Jogger, Plüsch-Hausschuhe und dergleichen) strengstens untersagt.
  • Sämtliche Fotos an den Wänden, die den Lord in kindlichem Zustand zeigen, insbesondere die, auf denen er mit Windel abgebildet ist, waren zu entfernen.
  • Und das Wichtigste aller Gesetze: ich hatte mich nach Möglichkeit bei ihrer Anwesenheit woanders aufzuhalten, am Besten im Ausland.

 

Ich fragte ihn belustigt-entsetzt, ob er diese Forderungen an meiner Stelle erfüllen würde, seine Antwort war ein psychologisch/taktisches Meisterwerk: ja, wenn ihm jemand sehr, sehr wichtig wäre, zweifelsohne würde er das tun.

So verbrachte ich also meine Freizeit im rauschenden diamantenbestickten Abendkleid und toupierter Turm-Frisur kochend am Herd, wenn Madame anwesend war. Ich schlich unsichtbar durch die Räume und verbrachte insgesamt Wochen am WC oder am Balkon, um die Gräfin und ihn nicht durch meinen Anblick zu belästigen.
Ich besuchte Verwandte, Bekannte und 5 Mal täglich den Kebabladen, nur um außer Haus zu sein, bis alle von meinen Stalkingbesuchen die Schnauze voll hatten und mir niemand mehr die Türe öffnete.

Die Wende brachte ein eisiger Wintertag im Januar. Ich saß auf einer Bank am nahegelegenen Fluss, im Schneesturm, und teilweise bereits am Holz festgefroren. Die Geier kreisten über mir, auf meinen baldigen Tod und reichlich Nahrung hoffend, und ich konnte in ihren Augen sehen, dass sie demnächst zum Sturzflug ansetzen würden.
Als mir Spaziergänger mitleidig steinaltes Brot zuwarfen, das sie eigentlich für die Schwäne mitgebracht hatten, war das der Startschuss für meine Revolution.

Ich stampfte mit zugefrorenen Augenlidern blind heim und durch die plötzliche Erwärmung verlor ich im Aufzug zehn Liter Schmelzwasser, bevor ich die Türe zu meinem Zuhause öffnete und klarstellte, dass dies MEIN Reich wäre und ich meine Burg nicht mehr verlassen würde. Schluss mit lustig!
Es folgten endlose Diskussionen und Vorwürfe, ich würde seine Privatsphäre missachten und sein Leben zerstören.

Nun, ich habe mich selbstverständlich durchgesetzt. Wenn ich heute im rosa Flanell-Pyjama von oben bis unten mit Chips-Brösel bedeckt und in vollster Zerstörung auf der Couch rumgammle.
Wenn er mit seinen Groupies die heiligen Hallen betritt, sehe ich in seinen Augen zwar noch immer das blanke Entsetzen. Aber er sieht auch in meinen, dass es mich seit meiner Nahtod-Erfahrung am Fluss nicht mehr interessiert.

 

Und dennoch bin ich dankbar, dass es ihn gibt. Mein kleiner halbglatziger Lord.

 

 

eure

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Beitragsbild: Tiny Toes

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