Von Haltestellen und Königinnen

Jeden Morgen um exakt 4.50 befinde ich mich mit der immer gleichen „Busfamilie“ an der Haltestelle. Zwei Damen, die mich mit ihren langweiligen lautstarken Gesprächen über WC Reiniger und eingewachsene Zehennägel zur Weißglut bringen und der Herr, der immer zu leicht bekleidet ist und dem ich so gerne sagen würde, dass er sich SO bestimmt demnächst eine Blasenentzündung einfangen wird.

Und dann gibt es Harry. Harry Potter. Ein etwa 35-jähriger Brillenträger, der schon morgens perfekt geschleckt aussieht. Die immerselbe Hose perfekt gebügelt, der immer gleiche Rucksack mit Teddybär- Anhänger und die hässlichen Turnschuhe immer stramm geschnürt. Ich bin mir sicher,dass er noch bei Mami wohnt und jeden Morgen von ihr geweckt, gewickelt, gebürstet und mit Grießbrei in den Tag geschickt wird.

An der Haltestelle steht er im finstersten Winkel und wenn der Bus von Weitem zu erkennen ist, beginnt er irrsinnig zu sabbern und trippelt mit kleinen nervösen Babyschritten zur Straßenkante, weil sein Lebensglück davon abhängt, sich als Erster im vordersten Einstiegsbereich in den Bus zu werfen.
Als ich eines Morgens ziemlich nah an der Straßenkante stand und ich seine trippelnden Babyschritte laut hinter mir hörte und seine Erregtheit beim Einfahren des Busses so groß war, dass er mich rempelte und ich fast auf die Fahrbahn gestürzt wäre, war das eine Kriegserklärung!!!
Ab diesem Moment versuchte ich mich mit Hilfe von Rissen im Beton, mathematischer Wahrscheinlichkeitsrechnungen und genauer Beobachtungen der Haltegewohnheiten der Fahrer, mich immer exakt so zu positionieren, dass ich wie ein Bock genau vor diesem ersten Einstieg stand, so, dass ich hinter mir hörte wie seine Wut -Sabber auf den Boden tropft und die Klebeverschlüsse seiner Windeln vor Verzweiflung aufsprangen.
Zudem nahm ich beim Einfahren des Busses Blickkontakt mit dem Lenker auf und durch telepathische Gedankenübertragung mit demselben hatte Harry keine Chance mehr.

Harry ist seit zwei Wochen nicht mehr an der Haltestelle anzutreffen. Mami hat ihn bestimmt mit Alete und Hipp getröstet und ihm den Sabbermund mit Penaten gesund geschmiert. Und fährt ihn zur Arbeit.
Ich allerdings wurde für meine Gehässigkeit auch bestraft. Harry ist Geschichte, dafür wartet nun jeden Morgen Godzilla an der Haltestelle auf mich. Und bei ihm helfen weder Wahrscheinlichkeitsrechnungen noch Telepathie.

 

Königin von 4.30 Uhr bis 15.00 Uhr

Und dann gibt es da ja auch noch die Haltestelle der Bahn. Heute Morgen lehnte ich in voller Zerstörung an der Haltestelle. Als die Bahn einfuhr und sich die Türen öffneten, zögerte ich, mich als Erste in die Bahn zu werfen, standen doch zwei Herren etwas vor mir. Zu meiner absoluten Verwunderung drehte sich einer zu mir um, machte eine Verbeugung und Handbewegung, wie es Diener in den alten Schnulzen machen, und meinte: „Bitte Madame, nach Ihnen“. Der andere grinste breit.

Ich schwebte in der Bahn wie eine Königin, erhobenen Hauptes, und war fassungslos über so viel Charme am Morgen. Ich war derartig überwältigt von dieser Geste, dass ich den ganzen folgenden Dienst über das Gefühl hatte, definitiv majestätisch zu sein.

Jung, attraktiv, blaues Blut. Eben Königlich.

Beim Heimfahren um 15.00 Uhr stand ich in der gesteckt vollen Bahn und vor mir saß ein Jüngling. Er blickte zu mir hoch, starrte dann auf den Aufkleber an der Scheibe: Alten und Behinderten den Sitzplatz überlassen!

Er erhob sich und sagte zu mir in voller Lautstärke: „Bitte, setzen Sie sich doch!“

 

In dieser Sekunde verstarb die junge attraktive Königin und geistig sah ich mich augenblicklich im Gitterbett eines Altersheims liegen, den Pfarrer rechts und den Pfleger mit den Windeln links neben mir.

Es beschlich mich der Gedanke, dass die beiden Herren von heute Früh vielleicht gar nicht so charmant waren, sondern Angst hatten, dass ich aus Altersschwäche zusammenklappen könnte.

Und weil ich gerade auf alles unter zwanzig Jahren leicht gereizt reagiere, weil wirklich NULL Respekt da ist, serviere ich dem Kronprinzen jetzt das, was ihm so verhasst ist. Stellvertretend für den Jüngling, der die Königin tötete.

 

Königliche Grüße, eure

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