Wochenbettdrepression – grau in grau statt Sonnenschein

Auf Facebook stoße ich durch Zufall auf einen Artikel, der von einer jungen Mutter und ihrem Selbstmord handelt. Diese Dame hatte nach der Geburt so große Depressionen, dass sie sich zwei Monate später das Leben nimmt. Angeblich, weil sie Probleme mit dem Stillen hatte und nicht mehr weiter wusste. Ihr Mann, der ihr immer zur Seite stand und sie unterstützte, ahnte nicht, dass sie zu diesem Schritt bereit war. Anschließend verfasste er einen Artikel und meinte, das Stillen sei Schuld und ermutigt Frauen frühzeitig mit dem Stillen aufzuhören, falls es Probleme gibt.

Ich falle

Nach der Geburt meines Sohnes litt auch ich an einer Wochenbettdepression- Unser Froschi war geplant und wir freuten uns riesig auf ihn. Doch die Schwangerschaft verlief nicht ohne Probleme, dies habe ich schon im Artikel über die Pränataldiagnostik beschrieben. Als mein Sohn auf der Welt war, fiel ich nach der Geburt in ein Loch. Obwohl er optisch perfekt war und alles zu passen schien, mussten wir noch auf die Laborergebnisse warten. Sollten wir innerhalb von drei Wochen keinen Brief erhalten, bedeutete dies, dass unser Baby kerngesund ist. Bekommen wir jedoch einen Brief, ist unser Kind wahrscheinlich krank. Das Warten machte mich verrückt. Jeden Tag hatte ich Angst in den Briefkasten zu sehen. Angst davor, einen Brief zu erhalten. Was sollten wir nur machen, wenn unser Froschi wirklich krank ist?

Zu diesen Sorgen gesellte sich der Druck von der Familie und Freunden. Alle wollten unser Baby sehen. Natürlich ist das verständlich, trotzdem wollte ich alleine sein, mein Kind kennen lernen, eine Routine in den Alltag bringen, mein Glück als kleine Familie genießen. Außerdem hatte ich gr0ße Schmerzen beim Sitzen. Doch leider brachten nur die Wenigsten Verständnis dafür auf. Andauernd hörten wir: „Kommt uns doch besuchen, wir würden uns so freuen!“ und „Wir wollen unbedingt euren Schatz kennen lernen.“ Wir waren auch sehr stolz auf unser Froschi und wollten es jedem zeigen, trotzdem war es jedes Mal eine Qual das Haus zu verlassen. Und aus irgendeinem Grund wollten alle besucht werden und fast niemand kam zu uns nach Hause. Ich denke, dass viele uns keine Arbeit mit dem Zusammenräumen oder Kuchenbacken machen wollten. Trotz allem war es sehr anstrengend.

Die ersten paar Tage versuchte ich noch durchzuhalten und mitzuspielen. Aber ich schaffte es nicht. Ich war zu schwach, zu ausgelaugt und zu erschöpft. Ich wollte einfach meine Ruhe. Ich saß stundenlang bei geschlossenem Vorhang im Bett und kuschelte mit meinem Baby. Allein die Vorstellung, die Wohnung zu verlassen, jagte mir Angst ein. Ich war überfordert, wusste nicht recht, wie ich das alles mit einem kleinen Kind bewerkstelligen soll und fürchtete mich davor, beim Sitzen wieder Schmerzen zu haben. Ich fühlte mich plötzlich so leer, alleine und einsam. Irgendetwas fehlte mir und ich wusste einfach nicht was es war. Abends weinte ich oft und suchte Trost bei meinem Mann. Als nach fünf Wochen noch immer kein Brief vom Labor kam, fiel mir ein großer Stein vom Herzen. Dies bedeutete, dass mein Baby gesund war. Er war nicht krank! Ich war erleichtert. Trotzdem kam ich aus diesem Loch nicht heraus. Wieso war ich noch immer traurig und einsam? Warum konnte ich mich nicht richtig freuen und mein Glück so richtig genießen? Ich war immer grantig und zickig. Mein Mann tat mir manchmal wirklich leid.

Der Moment, in dem ich endlich aufwachte

Als ich nach zehn Wochen noch immer den Wochenfluss (siehe auch Die große Enttäuschung der 3-Monats-Spritze) und Schmerzen beim Sitzen hatte und kein Ende in Sicht war, war ich am verzweifeln. Die Nächte waren auch sehr anstrengend, da mein Froschi einfach nicht schlafen konnte und alle 1-2 Stunden aufwachte und gestillt werden wollte. Ich war am Ende und wusste nicht mehr weiter. In einer Nacht hatte mein Baby wieder einmal Bauchschmerzen und konnte einfach nicht schlafen. Mein einziger Gedanke war: Ich will schlafen! Aber mein Kleiner schrie und schrie. Aus Verzweiflung wurde ich wütend. Kann er nicht endlich aufhören zu weinen und schlafen? Warum schläft er nicht ein paar Stunden am Stück, wie andere Babys auch? Wütend schrie ich ihn an. Etwas grober als beabsichtig nahm ich ihn und legte (oder schmiss?) ihn neben mir ins Bett. Plötzlich begann er noch mehr zu weinen und zu kreischen. Ich war hellwach und geschockt. Habe ich ihm weh getan? War das wirklich so grob? Ich hatte mich nicht im Griff und war wütend. Das wollte ich nicht. Wieso habe ich ihn nur angeschrien? Es tat mir so leid und ich merkte, dass ich etwas ändern muss. So konnte es auf keinen Fall weiter gehen. Ich musste etwas ändern.

Wie ich den Weg zurück fand

Am nächsten Tag überlegte ich und versuchte meinen Tagesablauf genau zu organisieren. Nie wieder möchte ich meinem Kind wehtun oder es grundlos anschreien. Ich hatte Angst vor mir selbst und wollte eine bessere Mama für meinen Sohn sein. Zuerst beschloss ich, nicht mehr andauernd auf die Baustelle oder sonst irgendwo hinzufahren, sondern mehr Zeit daheim zu verbringen. Auch erkannte ich, wie wichtig das Stillen für die Bindung zwischen meinem Baby und mir war. Deshalb nutzte ich die Stillphasen fortan um einerseits zur Ruhe zu kommen und abzuschalten, andererseits um zu lesen. Auch beschloss ich zu schlafen, wenn mein Froschi schläft. Der Haushalt konnte warten bzw. machte ich ihn mit meinem Kind gemeinsam. Ich begann eine Tragemami zu werden und konnte so mehrere Dinge gleichzeitig erledigen. Schon nach wenigen Tagen ging es mir besser. Die Zeit mit meinem Baby genoss ich immer mehr und ich konnte auch wieder lachen, Freude empfinden und kam zur Ruhe. Und schon nach kurzer Zeit hatte ich meine Depressionen überwunden.

Mit Depressionen spielt man nicht

Die Geschichte im Artikel (siehe oben) ist schrecklich und mir tun sowohl das Baby als auch der Vater leid. Es muss aber auch für die Mutter schrecklich gewesen sein. Mit Wochenbettdepressionen darf man sich nicht spielen. Anfangs ist es noch normal, doch wenn sie nicht innerhalb weniger Wochen verschwindet oder wirklich sehr schlimm wird, muss man sich Hilfe holen. Oft merkt man selbst nicht, dass man so weit in der Depression steckt, deshalb müssen auch die Familie und Freunde aufpassen und gegebenenfalls eingreifen.

Ich frage mich, wieso ihr niemand geholfen hat. Warum hat der Mann nicht erkannt, wie schlecht es seiner Frau wirklich geht? Aus welchem Grund hat sie nicht selbst um Hilfe gebeten? Wie kann eine Mutter so etwas Schreckliches tun? War wirklich das Stillen schuld? Oder gab es andere Gründe für ihre Depressionen?

eure

PS: Über ein „Gefällt mir“ auf unser Facebookseite würden wir uns natürlich auch sehr freuen 🙂

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.